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Im Jahre 1960 wollten zwei junge Studenten des Collegium Germanicum Hungaricum in Rom in den Sommerferien nicht nach Deutschland fahren, sondern in ein orthodoxes Land. Damals war es am einfachsten, nach Griechenland zu kommen. Also machten Albert Rauch und Nikolaus Wyrwoll drei Monate Studienreise in Griechenland, Berg Athos, Konstantinopel, Chalki und Ephesus. Überall trafen wir orthodoxe Professoren und Pfarrer, die in Deutschland studiert hatten, aber nur auf protestantischen Fakultäten, fanden eine eigenartige Mischung orthodoxer Tradition und liberalen Protestantismus (der bei uns in Deutschland längst überholt war). Der Grund war leicht erkennbar: auf katholischen theologischen Fakultäten konnten niemand einen Abschluss erwerben, ohne den Antimodernisteneid mit Gehorsam gegen den Papst abzulegen. Wir trugen das Kardinal Lorenz Jäger in Paderborn vor. Anderthalb Jahre später, im Frühjahr 1962, wurde der Diakon Nikolaus Wyrwoll - Albert Rauch war schon als Priester in Deutschland Kaplan - Vatikan gerufen und bekam den Auftrag, den Inhalt eines Briefes von Kardinal Ottaviani den orthodoxen Autoritäten mitzuteilen: in dem Brief stand, dass ab sofort alle Studenten aus den anderen christlichen Kirchen alle akademischen Grade katholischen akademischen Grade in Theologie erwerben können, ohne den Antimodernisteneid abzulegen. Das sei den interessierten Stellen mitzuteilen. Von da ab kamen Stipendienanträge der orthodoxen Bischöfe für Studenten auch an die katholische Kirche in Deutschland. Damals verteilten wir die Studenten auf die verschiedenen Fakultäten mit Wohnung in den Priesterseminaren und veranstalteten regelmäßige Treffen. Im Jahre 1965, am letzten Tag des Zweiten Vatikanischen Konzils, wurden in Rom und in Konstantinopel feierlich im gleichzeitigen Akt die Anathemata des Jahres 1054 "aus dem Gedächtnis und aus der Mitte der Kirche getilgt und die Verurteilungen der Östlichen Kirchen gegen die Westlichen und der Westlichen gegen die Östlichen aufgehoben". Schon von der ersten Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahre 1962 an war die Russische Kirche vertreten, damals durch den jungen Archimandriten Vladimir, der jetzt Metropolit von St. Petersburg ist. Ab dem Jahre 1963 waren auch die anderen orthodoxen Kirchen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
Mit der Aufhebung der Anathemata begann der Dialog der Liebe zwischen Ost und West. Die deutsche katholische Bischofskonferenz beschloss im Jahre 1966, eine spezielle Kommission einzusetzen, die Brücken zwischen den östlichen Kirchen und dem Westen bauen sollten, so lange wir noch nicht voll übereinstimmen in der Einheit des Glaubens. Für diese Kommission wurde als Leitung gewählt der Bischof von Regensburg Dr. Rudolf Graber. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Dialog zwischen der katholischen Kirche und den evangelischen Kirchen nicht genügt, dass dieser "Dialog" übergehen müsste in einen "Trialog", in den auch die östlichen Kirchen einbezogen werden. Am Ostertag 1967 begann Bischof Graber seine Arbeit mit einem Besuch beim ökumenischen Patriarchen Athenagoras in Konstantinopel. Dieser Besuch war der offizielle Beginn der des Arbeit des Regensburger Ostkirchlichen Institutes. Patriarch Athenagoras dankte der katholischen deutschen Bischofskonferenz für die Initiative im Dialog zwischen den Kirchen. Er unterstrich, dass die Kontakte zwischen den einzelnen Lokalkirchen einen wichtigen Beitrag liefern können für die Einheit der Kirchen, denn den doch relativ sehr kleinen orthodoxen Ortskirchen fällt es nicht leicht, direkte Kontakte mit Rom aufzunehmen. Das Ökumene-Dekret des Zweiten Vatikanischen Konziles 1965 hatte die Form der zweiseitigen Kontakte zwischen Ortskirchen empfohlen.
Von Konstantinopel fuhr Bischof Graber 1967 nach Sofia zu Patriarch Kyrill (s. Foto) und nach Belgrad zu Patriarch German. Beide Patriarchen billigten und unterstützten das vorgelegte Programm der gemeinsamen Arbeit. So ergaben sich weite Horizonte für den Dialog der Liebe. Die Patriarchen wollten, dass in diesem Dialog der Liebe auch dialogische Beratungen stattfinden. Von den deutschen Theologen erwarteten die Patriarchen einen wichtigen Beitrag in diesem Gebiet. Im Schuljahr 1966/1967 sandten die orthodoxen Bischöfe zum ersten Mal orthodoxe Studenten zum Studium auf katholischen Fakultäten in Deutschland.
Ebenfalls begannen die "zwischenkirchlichen Symposien", die "Regensburger Symposien". Das erste hatte das Thema "Sakramente der Kirche" und war im Jahr 1969 im Schloss Spindlhof bei Regensburg. In Spindlhof war eine große Delegation des Moskauer Patriarchates und anderer orthodoxer Patriarchate, katholische deutsche Theologen und auch Gäste aus den evangelischen Kirchen. Im Jahre 1977 beschlossen die Patriarchen, eine zweite Symposionsreihe "Die eine Kirche und ihr Leben in Raum und Zeit". Dieser Zyklus begann 1979 mit dem Thema "Die Heiligen der einen Kirche" und "Die Ämter der einen Kirche". Dieser zweite Zyklus endete im Jahre 1989 mit dem Symposion "Primat und Patriarchat - Amt für die Einheit der Kirche". Die Symposien fanden statt in dem Geist, über den Bischof Rudolf so gesagt hatte: "Wenn die Aufhebung der Anathemata im Jahr 1965 etwas mehr ist als nur eine theatralische Geste, dann muss sie auch wichtige Resultate haben. Das bedeutet: Grundlage unserer Gemeinsamkeit ist nicht die getrennte Kirche, sondern die ungeteilte Kirche des ersten Jahrtausends. Jede von der Einheit der Kirche muss richtig verstanden und richtig interpretiert werden. Zum 1100. Todestag des hl. Methodius im Jahre 1985 hatte die Regensburger Universität einen Kongress im Ostkirchlichen Institut, an dem große Delegationen aus Russland und anderen östlichen Ländern teilnahmen. Die Bedeutung dieses Kongresses sieht man daran, dass das Bulgarische staatliche Fernsehen zweimal eine Stunde lang eine Sendung machte - und das in jenen Jahren! Zur Jahrtausendfeier der Taufe der Rus hielten wir im Ostkirchlichen Institut im Jahre 1987 ein Symposion mit dem Arbeitsthema "1000 Jahre zwischen Wolga und Rhein". Zur 600 jährigen Gedenkfeier des Todes des großen Geistlichen, Mönches und Erziehers Russlands, des hl. Sergius von Radonez, hatten wir ein Symposion mit dem Thema "Das Ideal der Vollkommenheit gestern und heute" im April 1992 im Regensburger Ostkirchlichen Institut. Dieses Symposion war gleichzeitig ein Jubiläumsymposion für die ehemaligen Studenten, nach 25 Studienjahren. Im Jahre 1994 gab es ein Symposion über Sergij Bulgakov im Zusammenhang mit den 50 Jahren seit seinem Tod 1944 in Paris. 1998 und 1999 zwei Symposion aus hinduistischer und christlicher Sicht zur "Realität der Inkarnation" und "Ganzheitliche Sicht der Welt" (1999). 2000 ein Symposion zum einhundertsten Todestag Vladimir Solovjóvs, 2006 zur Vorlesung von Papst Benedikt an der Universität Regensburg.
Die Begegnungen bei den Symposien wurden geprägt durch eine Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses.
Das Stipendienprogramm Die Symposien waren ein wichtiger Faktor zur Bildung einer geschwisterlichen Atmosphäre des Vertrauens zwischen Katholiken und Orthodoxen. Bis im Jahre 1965 hatten orthodoxe Studenten, die später Führungskräfte in ihren Kirchen wurden, von der evangelischen Kirche in Deutschland Stipendien bekommen können, seit 1965 auch von der Katholischen Kirche in Deutschland. Bis zum Jahre 2008 haben mehr als eintausend Vertreter der orthodoxen Kirchen als Stipendiaten der deutschen katholischen Bischöfe studiert und in Deutschland die Möglichkeiten genutzt, den Westen und die katholische Kirche näher kennen zu lernen, aber auch die Studenten der anderen orthodoxen Kirchen in Deutschland besser kennen zu lernen. Sie haben ihre Kenntnisse der deutschen Sprache vervollkommnet, sie haben sich für den zwischenkirchlichen Dialog geöffnet. Jeder hatte sein spezielles Programm, das sein zuständiger orthodoxer Bischof für ihn festgelegt hat. Die Stipendiaten sind einige Monate oder Jahre bei uns im Ostkirchlichen Institut. Keiner unserer Stipendiaten ist Katholik geworden. Meine Meinung ist, dass jeder von ihnen zu seiner eigenen Kirche als ein besserer orthodoxer Christ zurück gekehrt ist. 42 von ihnen sind z.B. jetzt Bischöfe in ihren orthodoxen Kirchen. Die anderen sind als Priester tätig, als Äbtissinnen in den Klöstern, sie haben Lehrstühle in den verschiedenen Ausbildungsstätten, sind Professoren, Dozenten, Assistenten. Viele arbeiten mit in den zwischenkirchlichen Kommissionen auf der ganzen Welt im Dienst an der Einheit der Christen. Jeder Student arbeitet nach seinem eigenen Programm bei uns im Haus, gemäß der Festlegung durch seinen orthodoxen Bischof. So kann es sein, dass eine Schwester aus einem rumänischen Kloster nur drei Monate bei uns ist, um die deutsche Sprache besser zu lernen und nachher die Möglichkeit zu haben, den Touristen in ihrem Kloster die Reichtümer besser zu erklären und nahe zu bringen. Ein anderer hat den Auftrag, zwei Jahre Pastoraltheologie zu studieren, damit er dann zu Hause die Sonntagsschule organisieren kann. Ein anderer macht seinen Doktor in Philosophie, damit er zu Hause den Lehrstuhl für Philosophie an seiner Hochschule wahrnehmen kann. Normalerweise ist es so, dass unsere orthodoxen Studenten auf ihrer Fakultät zu Hause eingeschrieben sind als Doktoranden. Sie schließen ihre Arbeit mit dem Doktoradexamen zu Hause ab, bei uns in Regensburg nutzen sie die guten Möglichkeiten der Bibliotheken und der Studieneinrichtungen, und lassen sich durch die katholischen Professoren beraten (aus Belarus bis 2008 knapp 30).
Die Vermittlung der Stipendien und die Regelung des Studienganges von 1962 an geht von unserem Institut in Regensburg aus. Dafür haben wir seit 1976 ein eigenes Haus, das Kapuzinerkloster, das 1614 in Regensburg gebaut wurde. Wir haben es seit 1974 umgebaut. Aus den alten Zellen wurden die Zimmer und die Bäder der Studenten, andere wurden Küchen. Jetzt kann jede Gruppe ihren Esstraditionen treu bleiben: Die eine Gruppe fastet am Freitag, die andere am Samstag, einige haben den Julianischen Kalender, andere haben den Gregorianischen Kalender, einer kommt aus einem Kloster, wo sie nie Fleisch essen, ein Student aus Indien isst ausschließlich Reis
Einige Zimmer des Ostkirchlichen Institutes haben ihre Fenster zur Donau. Die Gemeinschaftsräume sind für 12 bis 20 Gäste vorbereitet, es gibt auch zwei große Säle. Die Donau selbst ist eine Brücke zwischen den europäischen Ländern: Wenn unsere Studenten auf die Wasser der Donau schauen, können sie sich vorstellen, dass diese Wellen in einigen Tagen in ihren Heimatländern sein werden, in Serbien, in Rumänien, in Bulgarien, in der Ukraine.
Auf den Dokumenten und Büchern des Ostkirchlichen Institutes steht der Stempel, das große Symbol der Stadt Regensburg: die Steinerne Brücke. Das Institut ist selber eine Brücke zwischen Ost und West. Im Dialog der Liebe steht an erster Stelle die Aufgabe, dass junge Leute, junge Geistliche, Mönche die Sprache des anderen lernen. Die Sprache ist deutsch, aber auch der Charakter des anderen Volkes, das ändert die Vorurteile, das hilft, dass das menschliche Verständnis untereinander wächst. Auch westliche Studenten können durch unser Ostkirchliches Institut die Möglichkeit erhalten, auf den theologischen Fakultäten der Orthodoxen zu studieren, z.B. in Athen, Thessaloniki, Sofia, Belgrad, St. Petersburg, Minsk.
Wer das Ostkirchliche Institut von Seiten der Ostengasse betritt, sieht als erstes die Ikone der Gastfreundschaft "Dreifaltigkeit" des hl. Andreas Rubljow. Im Kreuzgang sieht er eine Ikone, gemalt von der rumänischen Studentin Barbara Ionescu, auf der Christus dargestellt wird, der die Menschen segnet, die aus aller Herren Länder zusammen gekommen sind.
Die Wände des Kreuzgang sind bedeckt mit Fotografien über Begegnungen im Institut und in den orthodoxen Heimatländern.
Für Regensburg ist die Anwesenheit des Ostkirchlichen Institutes nichts Neues, sondern steht in einer großen Tradition. Schon vor mehr als 1000 Jahren haben in Regensburg die ersten Kontakte mit den Christen in Böhmen stattgefunden. Der hl. Erzbischof Methodius ist aus Regensburg zum Benediktinerkloster Reichenau gegangen, um dort die H1. Schrift zu übersetzen. Im Studienjahr 2004 haben in Regensburg im Ostkirchlichen Institut Studenten aus Serbien, Rumänien, Russland, Weißrussland, Ukraine, Moldawien, Georgien, Indien studiert.
Im Ostkirchlichen Institut gibt es eine orthodoxe Kirche in der alten Tagzeiten-Kapelle der Kapuziner, die 1980 mit Ikonen und Fresken ausgeschmückt wurde. Der Erzbischof von Berlin Melchisedek, Exarch des Moskauer Patriarchates für Mitteleuropa, hat diese orthodoxe Kirche am Tag der Dreifaltigkeit 1980 konsekriert. In dieser Kapelle des Ostkirchlichen Institutes dürfen nur orthodoxe Priester zelebrieren. Für die katholischen Gottesdienste gibt es im Institut die Kirche des hl. Apostels Matthias, die ehemalige Kirche der Kapuziner, die dem hl. Matthias geweiht ist, der für Judas in das Apostelkolleg aufgenommen wurde.
Jeder Student hat sein eigenes Studienprogramm, aber es gibt auch gemeinsames Programm. Dazu gehören Ausflüge zu kirchlichen Ereignissen, Ausflüge in die umliegenden Klöster, gegen Ende des Studienjahres gibt es eine Wallfahrt nach Rom zu den alten Stätten der Christenheit, die uns den großen Horizont der Kirchengeschichte öffnen. Wir waren z.B. 1994 und Ostern 2007 mit allen Studenten in Konstantinopel, 1997 in Graz bei der Zweiten Europäischen Versammlung, in der Osterwoche 2000 in Rom, im Sommer 2007 in Alba Iulia und Hermannstadt, im Frühjahr 2008 zu einem Symposion mit St. Andreas-Institut Moskau in Freising.
Nach einem Vortrag von Dr. Wyrwoll auf dem Symposion in Smolensk am 17. September 1997 zuletzt aktualisiert am 1. August 2008
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