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Prof. Dr. Karl Golser, Brixen
Begegnung in Weißrussland
mit einem "Zeugen des Glaubens"

 

Vom 10. bis 12. Dezember 2004 fand in der weißrussischen Hauptstadt Minsk eine hochkarätige Konferenz zur Thematik der spirituellen Werte Europas statt, was die verschiedenen christlichen Konfessionen zum Aufbau eines neuen Europas im Frieden beitragen können. Dekan Prof. Golser hielt ein Referat auf dieser Konferenz ebenso wie Prälat Dr.Dr.hc (Minsk) Nikolaus Wyrwoll. Am meisten hat ihn beeindruckt die Begegnung mit dem nun über 90 Jahre alten Kardinal Kazimierz Swiatek, immer noch Ordinarius der beiden Diözesen Minsk-Mohilev und Pinsk.

Kardinal Swiatek ist im September 2004 von der Stiftung Paul VI. in Brescia als "Zeuge des Glaubens" ausgezeichnet worden. Er war im Gefängnis und zehn Jahre lang zur Zwangsarbeit in Sibirien interniert. "Der Glaube hat mich gerettet", pflegt er zu sagen.

Am Freitag, 10. Dezember 2004, waren Prälat Wyrwoll und Altbischof von Hildesheim Dr. Josef Homeyer, Präsident der COMECE ist, der Kommission der Europäischen Bischofskonferenzen bei der EU, bei Kardinals Swiatek, gleich neben der römisch-katholischen Kathedrale von Minsk. In dem mehr als einstündigen Gespräch wollte Bischof Homeyer vom Kardinal Antwort auf die Frage bekommen, die ihm in Brüssel vielfach gestellt wird, nämlich ob man Weißrussland wirtschaftlich unterstützen dürfe. Denn es ist ja vielfach bekannt, dass Präsident Lukascenko, der sich erst im Oktober in einem Referendum in Abänderung der Verfassung wieder zum Präsidenten hat wählen lassen, alle seine Gegner ausschaltet. Weißrussland hat ein Regime wie in der Zeit der Sowietunion. Es ist kein Zufall, dass auf den Plätzen noch die großen Statuen von Lenin stehen, die man in den Nachbarstaaten geschleift hat. Die Bevölkerung ist nicht wohlhabend, es herrscht Sicherheut und Ruhe auf den Straßen, die Gehälter sind klein, werden aber - anders als in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken pünktlich ausgezahlt. Bezugnehmend auf die Ereignisse in der Ukraine stellt sich Präsident Lukascenko als Garant der Ordnung hin. Die Bevölkerung Weißrussland erhält über die Ereignisse im Nachbarland Ukraine vor allem die Information, dass die USA sich eingemischt haben. Ausländische Zeitungen und auch ausländisches Fernsehen haben nicht alle Weißrussen zur Verfügung.

Die Gewissensfrage für die Europäer, aber auch für uns Christen, ist es nun, ob man mit wirtschaftlicher Hilfe ein Unrechtssystem unterstützen darf. Die klare Antwort des Kardinals, die auch von vielen anderen geteilt wird, lautet: Eine Streichung wirtschaftlicher Hilfe würde nur der armen Bevölkerung schaden. Eine Isolation Weißrusslands ist nicht zielführend. Man muss im Gegenteil auf die Zeit setzen und hoffen, dass allmählich eine andere Einsicht sich durchsetzt, wobei auch die Vorgänge in der Ukraine und in Russland eine Rolle spielen. Aber Weißrussland rechnet sich als zugehörig zu Europa. Es ist interessant, dass in den Hotels eine englischsprachige Zeitung "Belorus today" ausliegt, in der Aussagen von deutschen Diplomaten gebracht werden, die überzeugt sind, dass einmal auch Weißrussland in die EU aufgenommen wird; es passe auf alle Fälle besser zur Kultur Europas als z. B. die Türkei.

Auf Lukascenko angesprochen, sagte Kardinal Swiatek, er habe in all der Zeit öffentlich sich nie politisch geäußert. Das sei besser für die katholische Kirche. Ihr Ansehen steigt. Es sind für die 1,2 Millionen Katholiken zur Zeit 120 Seminaristen in den beiden Seminarien. Der Kardinal erzählte sodann, dass ihn zu seinem 90. Geburtstag Präsident Lukascenko persönlich besuchte, begleitet vom Ministerpräsidenten und dem Parlamentspräsidenten, es waren noch die anderen 4 weißrussischen Bischöfe anwesend. Am Anschluss daran habe sich der Präsident noch eine Stunde allein mit ihm unterhalten.

Insofern herrscht ein Optimismus in der Kirche. Man sieht auch, dass die Kirchen rein äußerlich überall restauriert werden. Die russisch-orthodoxe Kirche angeführt durch Metropolit Philaret hat mit fast acht Millionen Mitglieder eine stärkere Präsenz in der Öffentlichkeit. Die Konferenz, die in diesen Tagen stattfand mit Kardinal Paul Poupard vom Päpstlichen Rat für die Kultur mit einem Referat , hat die römisch-katholische Kirche zusammen mit den Orthodoxen organisieren können. Kardinal Swiatek meinte beim offiziellen Essen in der Nuntiatur, solche Dialoge und Veranstaltungen sind wichtige Aushängeschilder für die Einheit unter den Christen, Ziel sei die effektive Einheit im Glauben und in der Liebe, und dafür sei der Weg noch lang.

Golser/Wyrwoll